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Als ich am Morgen des 7. Julis kurz nach sechs Uhr erwachte war mir sofort
klar, dass es ungewöhnliche Laute waren, die mich am ersten Ferientag um
diese Zeit schon, aus dem Schlaf gerissen hatten...
Meine Pferde waren seit Anfang April "nonstop" draussen gewesen, da mir
die 6ha Weideland eine entsprechende Robusthaltung als optimale Lösung erscheinen
liessen und ich erst ab Mitte/Ende Juli beabsichtigte, die beiden trächtigen
Stuten dann sicherheitshalber nachts wieder einzustallen.
"Sahira" sollte ihr Fohlen frühstens ab ca. 25. Juli und "Shariaar" das
ihrige erst ab ca. 15. August zur Welt bringen... - dies meine Erfahrungswerte
nach gut fünfzehn Zuchtjahren und acht Fohlen, wovon ich den Zeitpunkt jeweils
stets bis auf wenige Stunden hatte voraussagen können.
Nichts Gutes ahnend, begab ich mich unverzüglich ins Freie und machte mich
auf den Weg zu den Hengstweiden, von wo her ich weitere ungewöhnliche und
alarmierende Geräusche wahrnahm...
In Sichtweit derselben, stockte mir der Atem und gefror mir förmlich das
Blut in den Adern!!!
Was ich vor mir sah, entspricht wohl dem Albtraum eines jeden mehrfachen
Hengsthalters!
Sowohl der Alte, "Moneera Safin" (18 Jahre), wie auch der Junge, "Tayi"
(7 Jahre), waren auf unerfindliche Weise aus ihren elektrisch gesicherten
Weiden ausgebrochen und befanden sich "zwar erst" in der Anfangsphase eines
Hengstkampfs, doch bereits mit Körperkontakt!
Was war zu tun?!? Ich - allein auf weiter Flur, bloss mit Schlafshirt bekleidet
und jede Peitsche weit entfernt – stiess ein Stossgebet gen Himmel...und
siehe da, "es" wirkte!
"Tayi" drehte sich plötzlich um und trabte seelenruhig zurück in seine
Weide, so dass ich nur noch das vorgängig geöffnete Tor hinter ihm zu schliessen
brauchte!
Anschliessend dauerte es allerdings noch ca. zwanzig weitere Minuten,
um den aufgebrachten "Safin" einzufangen und ebenfalls wieder einzuschliessen.
Ende gut – alles gut, dachte ich...
Beim Rückweg zu Haus und Stall, musterte ich beiläufig die "Stutenherde"
um feststellen zu müssen, dass bei der von "Tayi" hochtragenden "Sahira"
irgend etwas anders war als sonst, irgend etwas nicht stimmen konnte! Sie
wirkte in den Lenden eingefallen und ihre Scheide schien mir angeschwollen
zu sein... - sollte sie etwa tatsächlich, fast drei Wochen zu früh, schon
abfohlen wollen?
Allerdings verhielt sie sich ansonsten völlig unauffällig und war ruhig
am Fressen... - aber vorbeugen ist besser, sagte ich mir und begab mich
in den Stall.
Während ich (um ca. 7.30 Uhr, nun angezogen) gerade die letzten Strohballen
in der Abfohlboxe verteilte, hörte ich draussen ein Auto vorfahren, woraus
ein mir unbekannter Mann entstieg und sich mir beim Eintreten in den Stall
als Gärtner der benachbarten Villa zu erkennen gab und die unglaubliche
Frage stellte:
"Vermissen Sie vielleicht ein Fohlen?"
Einen kurzen Moment glaubte ich, mich verhört zu haben und Bruchteile danach,
"schien mich der Schlag zu treffen"!!!
"Wie bitte?!? – Lebt es???" waren meine ersten gestammelten Worte, während
mir blitzartig klar wurde, was in der Morgendämmerung auf den Weiden passiert
sein musste.
"Sahira" hatte tatsächlich achtzehn Tage zu früh (vor Ablauf der elfmonatigen
Trächtigkeitszeit) und dazu fast "ins leere Euter" nachts - wohl gegen Morgen
- draussen abgefohlt und dabei musste das Neugeborene versehentlich bei
seinen ersten Gehversuchen unter dem Zaun durchgerutscht sein!
Da es für die Stute ihre erste Geburt war, hielt sich wohl daher ihre Aufregung
in Grenzen, bezw., fand sie sich sehr schnell damit ab, dass sie das Fohlen
kurz nach der Geburt auch schon wieder "verloren" hatte.
Und das Fohlen seinerseits, ein sehr gut entwickeltes Stütchen, hatte ja
auch noch keine Bindung zu seiner Mutter und versuchte ebenfalls nicht,
diese wieder zu finden, sondern machte sich selbstbewusst auf den Weg, im
Park der Villa diese neue Welt zu erforschen. Gefunden wurde es, wie es
von Baum zu Baum spazierte und daran zu knabbern versuchte.
Kurz und gut, wir packten die überaus muntere, sich wehrende "Shatiga Banat
Tayi" mit vereinten Kräften in den Innenraum des zur Verfügung stehenden,
vorher ausgeräumten Kleinbusses und transportierten sie so zu ihrem Heimatstall
und verfrachteten sie in die vorbereitete Boxe zu ihrer Mutter.
Natürlich bangten wir gleichzeitig darum, ob die Stute ihr verlorenes Fohlen
wiedererkennen und annehmen würde - wir wussten ja nicht, wie lange die
Trennung gedauert hatte...
Aber sofort begab sich die gute "Sahira" zur Kleinen und begann, sie überaus
interessiert und freundlich zu beschnuppern und hatte auch nichts dagegen einzuwenden,
als wir "Shatiga" zum Euter bugsierten (welches nun den Milcheinschuss erkennen
liess) und versuchten, ihr das Fohlen anzusetzen. Knappe zwei Stunden später konnten
wir aufatmen, war auch diese Hürde geschafft, das Fohlen trank und auch seine
Verdauung kam zum Funktionieren!
Ende gut – alles gut ?!? Für den Moment schon, aber es sollte noch happiger
kommen...!!!

Natürlich liess ich daraufhin "Shariaar", die andere trächtige Stute (wie
"Sahira" ebenfalls angepachtet) und gedeckt von unserem Althengst "Moneera
Safin", nun kaum mehr aus den Augen – so etwas sollte mir nie mehr passieren!
Ihr Abfohltermin (elf Monate Trächtigkeit) war nach dem 15. August zu
erwarten und sie zeigte mir Anfang August noch kaum eine Euterbildung
an...
Den Nationalfeiertag verbrachte ich wie immer mit Gästen zu Hause und dieses
Jahr war mit 25 Besuchern, so eine richtig fröhliche Party im Gange.
Als um zwei Uhr nachts alle den Heimweg angetreten hatten, machte ich noch
einen kleinen Rundgang bei den Weiden vorbei wo alles ruhig schien - und
so begab ich mich ebenfalls zu Bette.
Am 2. August um neun Uhr, fand sich die versprochene "Aufräumtruppe" bei
mir auf dem Sandmatthof ein und nach getaner Arbeit, tranken wir bis um
elf Uhr Kaffee. Als einer der dann schliesslich wieder den Hof Verlassenden
noch aus dem Auto sich danach erkundigte, ob die andere Stute schon gefohlt
habe, gab ich scherzhaft zur Antwort: "Das wüsste ich ja dann wohl!"
Sie fuhren ab, ich ging zu den Stuten und mir stockte der Atem: "Shariaar"
hatte kein Fohlen mehr im Bauch! ... und weit und breit war auch keines
in Sicht...!
Nein, nein, nein und nochmals NEIN!!! Das konnte und durfte ja wohl nicht
wahr sein!!! Es konnte doch nicht sein, dass sich alles nochmals wiederholte!
Verzweifelt rannte ich über die Weiden, suchte ein Fohlen und war davon
überzeugt, irgendwo ein totes Tierchen zu finden - doch das Einzige was
ich erblickte, war die Nachgeburt. Auch im benachbarten Park war nichts
zu finden...
Als ich gerade im Begriffe war, nach der Stadtpolizei auch der Kantonspolizei
den "Fall" auseinanderzusetzen (Gott sei Dank war nirgends eine Meldung
über einen Unfall eingegangen!), kam mein älterer Sohn angerannt und rief:
"Komm schnell, wir brauchen die Feuerwehr, das vermisste Fohlen liegt im
Bach und es lebt!"
Ich nichts wie hin und konnte zumindest erleichtert feststellen, dass weil
der Sommer so überaus trocken gewesen war, der Bach kaum noch Wasser führte
und das Fohlen nicht vom Ertrinken bedroht war. Aber elend sah es aus,
sehr klein (eine tatsächliche "Frühgeburt"), total geschwächt und voller
Schürfwunden, die es sich wohl beim Sturz in das Bachbett und den anschliessenden
Aufstehversuchen auf den glitschigen Steinen zugezogen hatte.
Ich packte den kleinen Hengst und zog und hob ihn so gut es eben ging zum
Ufer hin und hielt ihn dort über eine halbe Stunde in den Armen fest, bis
endlich der benachrichtigte Familienfreund mit Helfer auftauchte und mir
"Sabur Ben Safin" über die einmetrige Uferböschung hinaufhob und in den
Stall trug.
Leider mussten wir dann feststellen, dass seine Mutter überhaupt nichts
von ihm wissen wollte und ihn sich beissend vom Leibe hielt!
Der benachrichtigte Tierarzt stellte am Telefon eine sehr ungünstige Prognose
und mir hohe Kosten bei einer geringeren als 50 zu 50% - Chance in Aussicht
und dennoch, obwohl der Kleine nicht mal stehen konnte, entschloss ich mich,
ihm jede mögliche Hilfe zukommen zu lassen.
Irgendwie fühlte ich einen unbändigen Lebenswillen in dem kleinen Tierchen
stecken – und mich mitverantwortlich für dieses Elend!
In den folgenden Stunden wurde zuerst der Stute zwei Liter Blut abgenommen,
davon 500ml dem Fohlen als Transfusion sofort gegeben, der Rest zu Blutkonserven
verarbeitet, das Fohlen an eine Infusion angeschlossen, der Stute Kolostrum
abgemolken und dem Fohlen mittels Schoppenflasche eingegeben und eine entsprechende
Wundversorgung in die Wege geleitet.
Danach standen am Samstagabend "Saburs" Chancen für die nächsten zehn Tage
(Gefahr der Fohlenlähme) bei 50 zu 50%.
Es begann ein Bangen und Hoffen und eine sehr anstrengende Zeit für mich
und meine Helferin! Alle zwei Stunden (auch nachts!) die Stute melken
- sie liess das Fohlen auch sehr stark sediert nicht an sich heran – den
Kleinen "schöppelen", täglich mehrmals Wundbehandlung vornehmen und jeweils
zweimalig Antibiotika spritzen und sich überhaupt mit ihm abgeben, damit
er nicht in eine Depression verfiel.
Unser Einsatz hat sich gelohnt, "Sabur" (der Harte, Ausdauernde) hat es
geschafft!
Die Mutterstute (ich bin mir nicht sicher, ob sie diesen Namen überhaupt
verdient hat) jedoch, war nicht dazu zu bringen, sich auf ihre Mutterpflichten
zu besinnen..., also setzten wir sie nach vier Tagen ab, d.h., auf Stroh
und Wasser in den Schnitzelplatz – und drei Tage später war ihre Milchquelle
bereits total versiegt und so konnten wir sie nach Hause schicken.
Dem Kleinen ging es den Umständen entsprechend gut, nur fehlte ihm natürlich
der Sozialkontakt zu seinen Artgenossen und sollte sich nicht eine baldige
Lösung abzeichnen, würde ich ein massives Problem kriegen.
Dasselbe hatte ich zwar bereits vier Jahre zuvor mit "El Calif Malika Banat
Mashuga" erlebt, als die Stute bei der Geburt eingegangen war und ich während
zwei Monaten an ihre Stelle hatte treten müssen um das Fohlen in die "Herde"
zu integrieren - damals war ich jedoch nicht berufstätig gewesen, wogegen
ich dieses Jahr umständehalber wieder mit 85% im Arbeitsleben stand. Dann
geschah das Wunder!
Die Stute "Sahira", mit dem fast vierwöchigen Stutfohlen "Shatiga" bei
Fuss, begann zunehmend Interesse für das kleine Hengstchen zu zeigen! Zuerst
bloss von Boxe zu Boxe, über die Trennwand hinweg – und dann wagten wir
es, sie zusammen auf die Weide zu lassen... Und siehe da, no problem!!!
Sie liess ihn mitlaufen und vertrieb sogar mit Vehemenz und recht agressiv,
alle sich ihm nähernden anderen Pferde! Auch gemeinsam in die gleiche
Boxe gestellt – no problem!
Und wie gross war unsere Freude und Dankbarkeit, als wir wenige Tage später
feststellten, dass sie ihn sogar ans Euter und saufen liess!!!
Die Gute, nun hatte sie zwei Fohlen, ein grosses Weisses (wird Schimmel)
und ein kleines Schwarzes (ist Rappe) und schaut seither mit der grössten
Selbstverständlichkeit gleichermassen zu beiden, was für uns in diesem Jahr
endlich bedeutet: Ende gut, alles gut!
Soviel für heute
allen eine fröhliche Weihnachtszeit - Salam aleykum!
Michèle
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